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Bella Coola Heli Sports – wo Heliskiing göttlich ist

Text: Bernhard Krieger

Skifahren ist grandios, Heliskiing göttlich. Zumindest rund um Bella Coola im hohen Norden der kanadischen Provinz British Columbia. Und sein „Pantheon“-Gebiet ist so schön wie der Götterhimmel aus der griechischen Mythologie.

Nic Butler sieht ein bisschen aus wie einer der Bären, die im Sommer in British Columbia durch die Wälder streifen. Der kräftige Heliskiing-Guide mit dem Vollbart ist durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Würde er jetzt noch den Dschungelbuch-Klassiker „Probier’s mal mit Gemütlichkeit…“ vor sich hin trällern, wäre das Bild perfekt. Aber „Bär“ Nic ist alles andere als tapsig. Seine Schwünge im Tiefschnee sind geschmeidig, seine Augen hellwach. Ruhelos scannen sie die Hänge um uns herum.

„Und das ist auch bitter nötig“, betont unser zweiter Guide, Daryl Kincaid, mit dem sich Nic vor jeder Abfahrt berät. Die Bergmassive in den Coast Mountains östlich von Bella Coola sind gigantisch, überwältigend und – ja, durchaus auch ein bisschen angsteinflößend. Unaufmerksamkeit oder gar Leichtsinn wären im hohen Norden von British Columbia fatal. „Das sind hier wirklich Big Mountains wie in Alaska“, meint Daryl.

Bella Coola Heliskiing: Bilderbuchlandschaften im Norden British Columbias

Auf unserem ersten Flug von der Pantheon Heli Ranch hinein in das riesige Areal von Bella Coola Heli Sports herrscht im Hubschrauber ergriffenes Schweigen. Da draußen ist nichts als weiße Wildnis. Gigantische Gletscher und bizarre Gipfel so weit das Auge reicht. In den Tälern mäandern Bäche durch tief verschneite Wälder. Kein Ort, kein Strommast, keine Straße stört die Bilderbuchlandschaft so hoch im Norden British Columbias (BC). Am Horizont ragt der Mount Waddington 4.019 Meter hoch in den Himmel. Der „Mont Blanc“ Kanadas ist der höchste Berg in diesem Ensemble von Riesen in den Coast Mountains.

Die Kulisse ist unglaublich, genauso wie unser erster Landeplatz. Sanft setzt der Pilot die tonnenschwere Bell 205 auf einen winzigen Gipfelgrad. Während die Guides unsere Ski aus dem auf der rechten Seite am Helikopter angebrachten Kasten ausladen, klettere ich mit vier weiteren Skifahrern aus der Maschine. Zusammengekauert hocken wir uns neben die linke Kufe, die Sturmstärke erreichenden Böen von den Rotorblättern zerren an unseren Jacken.

Dann steigt der „fliegende Lift“ auch schon mit ohrenbetäubendem Rattern über unseren Köpfen in den stahlblauen Himmel. Sekunden später verschwindet er im rasanten Sturzflug ins Tal – und plötzlich herrscht absolute Stille. Wie die Flocken in einer Schneekugel tanzen aufgewirbelte Schneekristalle im Sonnenlicht um uns herum. Fasziniert und durchaus auch ein bisschen eingeschüchtert schauen wir uns um. Von menschlicher Zivilisation ist nichts zu sehen. Die nächste Großstadt ist Vancouver und die ist fast tausend Kilometer entfernt. Kein Wunder, dass ich mir in dieser schier unendlichen Welt aus Fels, Eis und Schnee winzig vorkomme.

Adrenalin, Dopamin, Serotin – Glückshormone pur

Mit Kribbeln im Bauch schnalle ich meinen Lawinenrucksack um, mit einem Klick schnappen die Bindungen meiner breiten Tiefschneeski zu. Weit und breit ist keine einzige Spur auf den Hängen zu sehen, bis Nic als Erster in den knietiefen Pulverschnee eintaucht. Dann folgen wir: ein Investment-Banker aus New York mit seinem Sohn, der Abenteurer Bill aus Oregon und Mike, ein pensionierter Colonel der US-Army. Ich starte als letzter vor Daryl, der als Tailguide hinterherfährt für den Fall, dass jemand stürzt und Hilfe benötigt.

Meine ersten Schwünge sind noch etwas verkrampft. Dann aber werde ich schneller, die breiten Powderlatten schwimmen wunderbar auf und ich gleite fast schwerelos durch den aufstaubenden Pulverschnee. Adrenalin, Dopamin, Serotin – keine Ahnung, welcher Glückshormon-Cocktail da gerade durch meine Adern schießt, aber die Wirkung ist berauschend. Wie sehr meine Oberschenkel brennen, merke ich erst, als ich fast eintausend Höhenmeter tiefer vor dem bereits wartenden Heli abschwinge.

Kaum sind alle wieder in den Hubschrauber geklettert, geht es innerhalb weniger Minuten schon wieder hinauf auf einen anderen Gipfel am „Unicorn Peak“ und hinein in den nächsten Tiefschneehang. „Derartige Abfahrten auf makellosen Tiefschneehängen mögen anderswo eine Seltenheit sein, bei uns sind sie Alltag“, erzählt Nic. Mit seinen über den Helm gestülpten Gehörschutzkopfhörern sieht er nun endgültig wie ein Bär aus.

Heliskiing in Kanada

Mit rund 11.000 Quadratkilometern hat Bella Coola Heli Sports das größte zusammenhängende Privat-Heliskiing-Areal der Welt. Das Gebiet ist ungefähr so groß wie die gesamten Schweizer Alpen. „Während dort täglich zehntausende Skifahrer unterwegs sind, sind es bei uns maximal ein paar Dutzend. Und während innerhalb und in der Nähe von Skiresorts alles super schnell verspurt ist, fahren wir hier auch Tage nach dem letzten Schneefall noch jungfräuliche Hänge“, bringt Nic die Faszination Heliskiing auf den Punkt.

Heliskiing in Kanada ist ein einmaliges Erlebnis, Heliskiing im hohen Norden British Columbias das Nonplusultra – wenn das Wetter mitspielt. Schneemengen von mehr als 20 Metern pro Saison garantieren fast dauerhaften Tiefschnee-Spaß. Im Superwinter 2011/2012 meldete Bella Coola eine Schneehöhe von sechs Metern an der Waldgrenze und von zehn Metern in den Hochlagen. Da ragen von vielen Bäumen nur noch die Spitzen heraus.

Aber da Schnee nun mal nicht aus heiterem Himmel fällt, bedeuten viele Neuschneetage auch mehr sogenannte „Downdays“. Das sind Tage, an denen die Hubschrauber wegen schlechten Wetters nicht fliegen können und Tiefschneehelden zu Stubenhockern mutieren. In den Coast Mountains am Pazifik muss man durchschnittlich mit einem Downday pro Woche rechnen, im zentralen BC rund um Revelstoke sind es gerade mal vier in der gesamten Saison.

Wer das höhere Downday-Risiko in Kauf nimmt, wird nicht nur mit atemberaubenden Bergen belohnt, sondern auch mit einzigartigen Schneeverhältnissen. Wegen der Nähe zum Ozean ist der Powder nicht ganz so trocken wie im zentralen BC, in Utah oder Colorado. „Dafür ist die Schneedecke aber stabiler, so dass wir steiler fahren können“, erklärt Daryl. Neben „Bär“ Nic wirkt Daryl geradezu schmächtig. Aber der Mitsechziger ist ein zäher Hund und erfahren wie wenige andere. Daryl arbeitet seit den 1970er Jahren als Heliskiing-Guide und seit vielen Jahren bei Bella Coola Heli Sports. Daryl hat die Pionierjahre miterlebt, nachdem CMH-Gründer Hans Gmoser 1965 das Heliskiing-Business in seiner heutigen Form in Kanada erfunden hatte.

Erste Heliskiingwoche vor mehr als 50 Jahren

Die erste Heliskiingwoche der Geschichte fand damals in den Bugaboos in der Nähe der Städtchen Banff und Golden im zentralen BC statt. Gmoser flog seine ersten Gäste vor mehr als 50 Jahren mit einem winzigen Bell 47-Helikopter auf die Gipfel. Weil der nur 178 PS starke Mini-Heli neben dem Piloten nur einen Passagier transportieren konnte, dauerte es ewig, bis alle oben waren. Mehr als zwei Abfahrten pro Tag waren denn auch nicht drin, in der ganzen Woche kamen die Heliskiing-Pioniere nur auf 15.000 Höhenmeter. Heute schaffen das starke Fahrer bei Bella Coola an einem einzigen Tag, zumal die längsten Runs fast 2000 Höhenmeter aufweisen. Der höchste „Drop-off“ liegt auf 2896, der niedrigste „Pick-up“ auf 914 Metern.

Bella Coola: Jung und gut

Daryl hat die Entwicklung des Heliskiings von den abenteuerlichen Anfangsjahren bis zum ausgeklügelten und sehr sicheren Business der heutigen Zeit miterlebt. Bella Coola Heli Sports gehört zu den besten und noch relativ jungen Anbietern. 2001 gegründet verdankt Bella Coola, dass ausschließlich mit kleinen Gruppen fliegt, seine wohlklingenden Namen nicht etwa einem findigen Werbeguru, sondern dem gleichnamigen Städtchen, dem die „First Nations“ genannten Ureinwohner der Region seinen Namen verliehen.

„Dass die Berge östlich von Bella Coola wie geschaffen fürs Heliskiing waren, haben wir sofort gesehen“, sagt Beat Steiner. Der ausgewanderte Schweizer ist neben Pete „The Swede“ Mattson einer der Gründer des Heliskiing-Unternehmens. Bevor sie mit einem weiteren Partner ihr Heliskiing-Unternehmen gründeten, haben sie in der Bella Coola-Region so manchen Skifilm gedreht. Steiner hinter der Kamera, der Schwede Mattson davor. Ende der 1980er Jahre war „The Swede“ eine Legende der kanadischen Freerider-Szene. Später wurde der exzentrische Wikinger ein gefragter Sicherheitsexperte für spektakuläre Skiaufnahmen. Mattson hat ein besonderes Gespür für den schmalen Grat zwischen Glücksgefühl und Alptraum abseits der Pisten. Er fühlt, welcher Run noch fahrbar und welcher lebensgefährlich ist.

Oberste Priorität: Sicherheit

„Von ‚The Swede‘ haben wir alle viel gelernt“, sagt Daryl. Sicherheit hat beim Heliskiing oberste Priorität. Die Piloten sind absolute Spezialisten, die Guides top ausgebildete und erfahrene Skibergführer. Daran hat sich auch nichts geändert, nachdem Mattson und ein dritter Partner ihre Unternehmensanteile verkauft haben. Steiner führt das Unternehmen nun allein mit einer von potenten Investoren aus den USA gefüllten Kasse. Weiterhin wird nichts dem Zufall überlassen und für den trotz aller Vorsichtsmaßnahmen nie auszuschließenden Ernstfall bekommt jeder Gast kostenlos einen Lawinenairbag geliehen. Für Außenstehende mag es so aussehen, als würden einfach planlos die schönsten Gipfel angeflogen. In Wirklichkeit aber haben Daryl und Nic zusammen mit den Piloten den Tag durchgeplant. Wie in einem riesigen Skigebiet haben sie auf Karten Abfahrten eingezeichnet. Weit über 600 sind es im gesamten Bella Coola-Terrain. Und jährlich kommen Dutzende hinzu.

Auch ohne Pistenmarkierungen finden die Guides die vorgesehenen Landeplätze und ihren Weg an Gletscherspalten und Steilwänden vorbei ins Tal. Welche Runs gefahren werden, entscheiden die Guides frühmorgens nach dem Studium der Wetter- und Schneedaten. „Hat auch nur einer von uns den geringsten Zweifel bei einem der Runs, wird diese Abfahrt nicht angeflogen“, erklärt Daryl. Während Daryl und Nic permanent auf Lawinengefahren achten, genießen wir unbeschwert eine Traumabfahrt nach der anderen in einer einzigartigen Bergwelt: Sprachlos stehen wir vor dem blau schimmernden Gletscherbruch des gigantischen Tiedemann Gletschers, der so riesig zu sein scheint wie der Schweizer Aletschgletscher.

„Der beste Skitag meines Lebens“

„So etwas habe ich noch nicht gesehen“, stammelt Bill aus Oregon. Und das will etwas heißen. Schließlich hat „Balloon-Bill“ als einer der bekanntesten Ballonfahrer der USA schon verdammt viel rund um den Globus aus der Luft gesehen. „Das ist der beste Skitag meines Lebens“, schwärmt der Investmentbanker aus New York. „That’s great, man!“, grummelt Colonel Mike als wir am Nirwana-Pass vor der imposanten Steilwand des Siwa Peaks Mittagspause machen. Im Hubschrauber haben die Guides heiße Suppe, Sandwiches und Tee mitgebracht. Mit den Schaufeln, die für jeden neben Sonde und LVS-Gerät zur Standardausstattung im Lawinenrucksack gehören, haben Daryl und Nic uns schnell einen Tisch und eine Sitzbank in den Schnee gegraben.

Vor so einer Kulisse würde mir alles schmecken, aber was uns Logan Gaede da mitgegeben hat, ist wirklich köstlich. Der Koch hat in einem Top-Restaurant in Fernie gelernt und verwöhnt uns abends in der Lodge mit glasig gedämpftem Heilbutt-Filet, saftigen Rindersteaks und rosa gebratenem Lammrücken. Läge die Pantheon-Lodge nicht so abgelegen, man könnte glatt nur mal wegen des Essens vorbeischauen.

Die Pantheon Heli-Ranch – göttlich!

Die Pantheon Heli-Ranch ist eine der ungewöhnlichsten Heliskiing-Lodges Kanadas. Sie gehört zwei Brüdern, die als Flugzeug- und Helikopter-Piloten ihr Geld gemacht und dann die White Saddle Farm gegründet haben. Bella Coola Heli Sports, das mittlerweile vier Lodges im Programm hat, mietet sie für den Winter. Neben dem Blockhaus und dem Heli-Landeplatz grasen Rinder. Und wenn man aus der Sauna oder dem Hot Tub kommend in den eiskalten Mosley River springt, schaut neugierig der Farmhund vorbei, der Zwei- und Vierbeiner vor Pumas schützen soll.

Die Pantheon-Heli-Ranch für acht und die Mystery Lodge in der Nachbarschaft für vier Gäste liegen auf der Ostseite der Coast Mountains, die günstigere Eagle Lodge für maximal zwölf Gäste und die Tweedsmuir Park Lodge auf der Westseite. Die größte der vier Lodges ist die auch im Sommer geöffnete Tweedsmuir Lodge ganz in der Nähe von Bella Coola. Wo im Winter der Hubschrauber landet, tollen im Sommer Bären direkt vor den Blockhütten herum.

Die Verschmelzung von Meer und Bergen

Die westlichen Coast Mountains sind nicht ganz so spektakulär wie das Pantheon-Bergmassiv auf der Ostseite. Dafür aber gibt es rund um Bella Coola Abfahrten, von denen man hinunter auf den Ozean schaut. Wie die Arme eines Kraken reichen die Pazifikfjorde bis tief ins Land hinein. In Bella Coola verschmelzen Meer und Berge. Manchmal machen die Guides mit ihren Gästen sogar während des Heliskiing einen kurzen Bade-Ausflug zu den heißen Quellen am Bentinck Arm-Fjord.

Kurze Pausen müssen sein, ansonsten aber wird in allen Bella Coola Lodges so viel geflogen und Ski gefahren wie eben möglich – sogar am An- und Abreisetag. Direkt nach der Landung nach dem rund einstündigen Flug von Vancouver nach Bella Coola oder Anahim Lake geht’s in den Heli und ab in den Schnee. „Natürlich können vor allem private Gruppen ihr Tempo selbst bestimmen und wir haben auch Programme für Einsteiger“, erklärt Nic. Generell aber ist Bella Coola Heli Sports wegen des Terrains und der Schneemengen schon eher eine Adresse für starke Skifahrer und Snowboarder.

Um noch den letzten Höhenmeter herauszukitzeln, unterbrechen wir unseren Rückflug am Abreisetag von der Pantheon-Heli-Ranch zum Anahim Lake-Airport immer wieder für ein paar Extra-Abfahrten. Auf dem Weg nach Vancouver treffen wir die Heliskier aus den übrigen Bella Coola-Lodges – darunter keine Geringeren als Österreichs Ski-Legende Franz Klammer und den Amerikaner JT Holmes, der auf Skiern den Eiger hinuntergefahren ist. Die Jungs wissen, wo Heliskiing richtig gut ist.