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Mike Wiegele: Heliskiing-Pionier und Mr. Safety

Text: Bernhard Krieger

Er ist einer der Heliskiing-Pioniere der ersten Stunde. Und einer der ganz wenigen, die immer noch aktiv sind. Mike Wiegele hat die exklusivste Form des Skifahrens geprägt – mit der größten Heliskiing-Lodge der Welt in Blue River und eigenen Sicherheitsstandards. Der nach Kanada ausgewanderte Österreicher ist eine der beeindruckendsten Persönlichkeiten im Heliskiing-Business. Ein Typ mit Ecken und Kanten.

Kurz bevor Mike Wiegele den Raum zum Morgenmeeting betritt, könnte man eine Stecknadel fallen hören. Mehr als 30 Guides und Piloten warten in dem großen Besprechungsraum des „Guides Haus“. Um Punkt 7:30 Uhr wird eine Glocke geläutet und der in Kärnten aufgewachsene Wiegele kommt mit ernster Miene ins Zimmer. Es hätte mich nicht gewundert, wenn sich alle erhoben und salutiert hätten. Wiegele, fast 80 Jahre alt, aber immer noch topfit, marschiert mit der Autorität eines Generals an seinen Platz.

NATO-Hauptquartier oder Morgenmeeting bei Wiegele Heliskiing?

Dann eröffnet sein Vize Bob Sayer das Morgenmeeting, das mich an eine Lagebesprechung im NATO-Hauptquartier erinnert. Einer der Guides präsentiert die Wetterlage, ein anderer danach die Schneesituation. Es folgen Berichte von den umliegenden Heliskiing-Anbietern und Einschätzungen der Piloten zum Flugwetter. Die Guides aus Wiegeles kleinerer Dependance, der Albreda-Lodge, sind per Video in Blue River zugeschaltet.

Aus der Masse an Informationen destillieren die erfahrensten Guides die Lawinenwarnstufe und geben vor, welche Hänge bis zu welchen Neigungen gefahren werden dürfen. Danach folgt eine kurze Diskussion, bevor Wiegele das letzte Wort hat. Er spricht sehr leise, aber unmissverständlich. Leicht nach vorne gebeugt lausche ich mit den Guides seinem Tagesbefehl. Und der lautet wie fast immer: noch etwas vorsichtiger sein!

„Sicherheit beim Skifahren im Gelände“ ist sein Lebensthema

Wiegele sperrt geplante Heli-Landeplätze, streicht Abfahrten. „Sicherheit beim Skifahren im Gelände“ ist sein Lebensthema. Darüber kann er stundenlang referieren. Als einziger Anbieter hat er permanent einen Notarzt in einem der Hubschrauber mit dabei, falls sich ein Gast verletzen sollte. Gemeinsam mit Wissenschaftlern hat Wiegele zudem eigene Sicherheitsstandards entwickelt. Er bezieht die kosmische Strahlung in seine Berechnung mit ein, weil diese nach seinen Erhebungen große Auswirkungen auf die Stabilität der Schneedecke habe. Außerdem arbeitet er mit einer siebenstufigen Lawinenwarnskala, statt mit der üblichen fünfstufigen. „Die ist zu grob, weil dann das mittlere Level dazu verleitet, die Gefahr zu unterschätzen“, erklärt mir Wiegele.

Wiegele ist von seiner Methode absolut überzeugt. Weil er sich mit Kritik an anderen nicht zurückhält, hat er nicht nur Freunde in der Branche. „Wenn ich nicht Heliskiing-Anbieter, sondern Professor wäre, würden alle meine Methode anwenden“, meint Wiegele selbstbewusst. Die einen halten ihn für starrköpfig, die anderen für konsequent. Fakt ist, dass bei Wiegele seit vielen Jahren keine Gäste in ernsthafte Lawinen geraten sind. „Tragödien können verhindert werden“, beteuert Wiegele.

Nirgendwo auf der Welt ist Heliskiing sicherer als bei Mike Wiegele
Dass es beim Heliskiing dennoch auch bei ihm keine absolute Sicherheit geben kann, zeigte ein Helikopter-Unfall vor zwei Jahren. Ein Pilot verlor durch aufgewirbelten Pulverschnee bei einer Landung die Orientierung. Die Maschine kippte zur Seite, ein Guide wurde schwer verletzt. Wiegele reagierte sofort und änderte die Richtlinien für Landungen bei viel Pulverschnee. Hundertprozentige Sicherheit gibt es auch bei ihm nicht, aber nirgendwo auf der Welt ist Heliskiing sicherer als bei Mike Wiegele.

Legendäre Rivalität mit CMH-Gründer Gmoser

Wiegele ist einer der letzten noch aktiven Heliskiing-Pioniere. Auch er startete seine Karriere bei CMH-Gründer Hans Gmoser, der Mitte der 1960er Jahren das Heliskiing-Business erfand. 1970 machte sich Wiegele selbständig. Seine Rivalität mit Gmoser war legendär.

Blue River: Wiegeles Lebenswerk

Während CMH viele kleinere Lodges eröffnete, konzentrierte sich Wiegele auf einen Standort. In Blue River in der Nähe von Valemount in British Columbia baute er die größte Heliskiing-Lodge der Welt mit dem Service eines Top-Hotels und einem erstklassigen Restaurant. 2004 kam die rund eine halbe Stunde entfernt liegende Albreda Lodge hinzu. Das Chalet bietet Platz für nur 20 Gäste und Heliskiing-Romantik im Boutiquestil.

Im Blue River Heli Dorf Resort dagegen wohnen in der Hochsaison mehr als hundert Gäste in Blockhaus-Chalets rund um das Haupthaus. Wenn morgens zehn und mehr Gruppen starten, verwandelt sich das Dorf in eine Airbase. Dann schwebt ein Bell 212 Heli nach dem anderen ein und fliegt die Tiefschneefans hinaus in das 4500 Quadratkilometer große Gebiet. Zwischen 1046 und 3559 Metern liegen mehr als 550 kartographierte Abfahrten. Die Gebirgszüge der Monashees sind berühmt für lichte Waldabfahrten, die der Cariboos für gigantische Gletscher.

Blue River ist Wiegeles Lebenswerk und oft Kulisse für Skifilme. Auch Szenen des aktuellen Warren Miller-Films „Face of Winter“ wurden bei ihm gedreht. Auch wenn er die Führung seines Unternehmens schon vor 17 Jahren an seine Tochter Michelle abgegeben hat, ist Mike Wiegele bis heute in Blue River omnipräsent. Schwer vorstellbar, wie Blue River einmal ohne den Heliskiing-Pionier und Safety-Guru auskommen wird. Zumindest die Morgenmeetings werden ohne „General Mike“ nicht mehr dieselben sein.