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Telemarken in Livigno: Trendsport mit Tradition

Text: Alexandra Arendt

Immer häufiger beobachtet man auf der Piste und im Powder Skifahrer, die mit grazilen Ausfallschritten nahezu mühelos und elegant in die Kurven gleiten. Was ist die Faszination am Telemarken? Ist das Skifahren auf diese Weise wirklich so anstrengend und schwierig zu lernen? Das möchte ich herausfinden. Und wo sollte das wohl besser gehen als beim LaSkieda, dem weltweit größten Telemark-Festival in Livigno in Italien? Das jährlich stattfindende Festival lockt Telemarkbegeisterte aus aller Welt an.

Telemarken − diese fließenden, ästhetischen Bewegungen, diese elegante Form der Fortbewegung im Schnee. Das möchte ich lernen. Und wo ginge das besser als beim LaSkieda Telemark Festival in Livigno? Aber aller Anfang ist schwer, sehr schwer. Seit meiner Kindheit stehe ich auf Skiern und behaupte, dass ich mich in jedem Terrain sicher bewegen und meine Fahrweise an unterschiedliche Schneeverhältnisse anpassen kann. Aber all das bringt mir erstmal gar nichts. Dass ich als Sportlerin ein relativ gutes Bewegungsgefühl habe und hin und wieder Krafttraining und Yoga in mein Sportprogramm einbaue, hingegen schon eher.

Die erste Hürde beginnt schon, bevor es eigentlich losgeht: Das Anlegen der Bindung ist komplizierter, als ich dachte, zudem gibt es einen Unterschied zwischen rechtem und linkem Ski, die ich im Eifer erst einmal vertauscht hatte. „Keine Eile“, sagt mein Telemark-Coach Osvaldo mit ruhiger Stimme und hilft mir, die Bindung zu schließen. Osvaldo ist Italiener, spricht aber perfektes Deutsch und unterrichtet unsere dreiköpfige Gruppe. Ich habe Glück, von einem der ersten Telemark-Lehrer Italiens zu lernen. Osvaldo ist seit 40 Jahren Skilehrer und vermittelt seit 25 Jahren sein Wissen in Livigno.

Telemarken ist wie Treppen gehen

 

Die anderen beiden Teilnehmer haben schon zwei Tage Kurs hinter sich und wissen, um was es geht. Die Telemark Ski fühlen sich zunächst einmal gut an. Da bei Osvaldos Schule alles Schritt für Schritt geschieht, machen wir erst einmal Trockenübungen im Stand und üben die hohe und tiefe Telemarkposition. „Das Gewicht ist auf beiden Beinen. Der hintere Fuß drückt nach unten“, erklärt Osvaldo. Tatsächlich mache ich einen technisch sauberen Ausfallschritt, wie ich es aus dem Fitnesstraining kenne. Eine Übung, nach der eigentlich immer Muskelkater am nächsten Tag folgt. Die beiden anderen zeigen mir während der Fahrt den Wechsel zwischen den beiden Positionen. „Bravissimo! Da sieht man, dass ihr aus der Osvaldo-Schule kommt“, lacht unser Coach und hilft mir bei den ersten Kurven.

Während der Fahrt ist es weniger einfach, die tiefe Position zu halten. „Telemarken ist wie Treppen gehen, Alpin Ski wie den Aufzug nehmen“, sagt Osvaldo. Recht hat er. Warm ist mir bereist nach den ersten fünf Minuten und meine Oberschenkel brennen. „Der Blick richtet sich nach vorne oben“ erklärt Osvaldo. „Ihr habt am Kinn ein Haar. Das imaginäre Haar braucht Luft“, sagt er und schaut theatralisch nach vorne oben. Bei der ersten Kurve liege ich, ohne dass ich mich versehe, im Schnee. „Wohin hast du geschaut? Boden,“ fragt Osvaldo wissend. „Und, wohin bist du gefallen?“.

Telemarken: Raum und Zeit

 

Osvaldo ist bereits seit 1991 Telemarker. Im Sommer arbeitet er als Kitesurf-Lehrer am Gardasee, im Winter ist er Ski-Instruktor in Livigno. „Keine Eile! Raum und Zeit“, betont er immer wieder. Denn wer zu schnell und hastig versucht, die neue Technik umzusetzen, macht keine Fortschritte. „Das erinnert mich an Yogaübungen, da ein ähnliches Körpergefühl gefragt ist“, meint Teilnehmerin Nadine.

Man braucht tatsächlich viel Gefühl und ein Tag reicht kaum, um dieses Bewegungsgefühl zu erlangen, da sich die Telemarktechnik komplett vom alpinen, gewohnten Skifahren unterscheidet. Der Telemarkzauber, wie Osvaldo ihn nennt, passiert in der Kurve, nicht davor und nicht dahinter. Das Timing ist enorm wichtig, sonst machen sich die Ski selbständig und ehe man darüber nachdenken kann, liegt man bereits im Schnee. Anders als beim Alpinski werden beim Telemarken beide Beine benötigt, besonders das hintere Bein ist wichtig und übt Druck aus.

Telemark-Ursprung in Norwegen

 

Ich bin vorsichtig, hin und wieder klappt eine Kurve, doch sobald ich schneller werde, fühle ich mich wackelig und werde unsicher. Die blaue „Anfängerpiste“ kommt mir unglaublich steil vor. Ich fühle mich wie das erste Mal auf Ski. Doch Osvaldo bringt uns den Sport bildlich und mit viel Ruhe näher und vermittelt gleichzeitig etwas Historie des Skifahrens und Telemarkens. „Applauso und bravissimo“ gibt es nach jeder gelungenen Aktion vom Coach.

Die Anfänge des Telemarkens liegen in Skandinavien, der Telemarkschwung wurde 1886 in Norwegen entdeckt. Die norwegische Landschaft Telemarken gilt als Ursprungsregion des Skisports. Der Unterschied bei den Skiern ist mittlerweile vor allem die Bindung, da nur der vordere Teil des Schuhs in der Bindung fixiert ist und die Ferse frei beweglich ist.

Telemarken ist anstrengend, körperlich und psychisch: enorme Konzentration ist gefordert. Hin und wieder schummele ich und fahre im alpinen Stil den Berg herunter, nutze also nach Osvaldos Worten den Aufzug, um mich etwas auszuruhen, das geht nämlich auch mit Telemarkski nach kurzer Gewöhnungsphase problemlos. So sind blitzschnell sieben Stunden um und der letzte Lift des Tages fährt. Die rotschwarze Talabfahrts-Piste nehme ich im „Aufzug“. Eines ist sicher, mein erster Tag wird sicher nicht der letzte sein.

Hier geht es zum Video der Livigno Tour.