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Freeride-Tour in Laax: „Chickenline“ oder Abenteuer?

Text: Peer Knoops

„Wenn du Freeriden willst, fahr nach Laax“, hatte mir der Typ im Store noch zugerufen. Gesagt, getan. Doch was uns dann erwartete, damit hatten wir nicht gerechnet.

Der Blick aus dem Fenster verrät nichts Gutes: Nebel und Schneeregen. Mario hatte uns gestern am Telefon schon vorgewarnt, es könne heute etwas schwer werden mit der Sicht. Aber so schwer…? Unsere erste guided Freeride Tour steht heute an und das in einem der größten und beliebtesten Ski- und Snowboardgebiete weltweit: Flims-Laax! 235 Pistenkilometer, 44 Km davon Freeride Routen, 3.018m hoch ist der höchste Spot auf dem Vorab Gletscher. Und das war unser erstes Ziel.

Freeride-Tour: Lawinenrucksack ist für alle Pflicht

 

Ich treffe Mario an der Ski- und Snowboardschule, quasi direkt an der Talstation in Laax. Mario ist 28 Jahre alt und ein schmaler, introvertierter Typ mit dunklen schulterlangen Haaren und Vollbart. Seine Snowboardhose sitzt standardgemäß tief; seine Jacke ist mindestens eine Nummer zu groß. Nach einem kurzen Plausch müssen wir lachen, weil wir plötzlich feststellen, dass wir auch Deutsch miteinander sprechen können. Unsere Akzente haben uns wohl verraten. „Grüezi miteinander“, sagt er dann, als der Rest zu uns stößt.

Wir begleiten Mario ins Sportcenter wo bereits 4 Lawinenrucksäcke bereit liegen. Alle mit Lawinen-Suchgeräten ausgestattet: „Jeder bekommt einen Lawinenrucksack mit einem Piepser mit GPS-Signal.“ Das sei Pflicht, fügt er hinzu und erklärt uns kurz wie sie funktionieren und warum sie gerade heute so wichtig sind. Durch das wechselhafte Wetter und immer wieder neuem Schneefall bilden sich unterschiedliche Schneeschichten. Der Temperaturwechsel sorgt dafür, dass die Schichten nicht miteinander verschmelzen. Sie liegen aufeinander und können abrutschen. So können Lawinen schnell ausgelöst werden. Wir brauchen uns aber keine Sorgen machen, „heute morgen ist noch mal gesprengt worden“, versichert er uns.

Freerider: eigene Pisten für Tiefschnee-Abenteuer

 

Bevor es losgeht zeigt Mario mir erst einmal den Pistenplan. Die gelben Pisten sind für Freerider gedacht. Sie sind unpräpariert und werden bei Lawinengefahr gesprengt. Er erklärt mir, wo wir langfahren werden und wo eher nicht. „Wir müssen das etwas vom Wetter abhängig machen.“ Mario nimmt seinen Job sehr ernst. Das gibt uns allen die nötige Sicherheit. Auf meine Frage wie viele Kilometer wir in etwa zurücklegen werden, antwortet er: „50-60 Kilometer werden es bestimmt sein.“ Da wir alle Freeride-Beginner sind, schlägt Mario vor, dass wir uns nach und nach im Schwierigkeitsgrad der Abfahrten steigern, je nach Wetter, Sicht und Stimmung.

Chickenline oder Abenteuer?

 

Nach diversen Abfahrten vom Vorab Gletscher und Fuorcia Sura brannten uns allen die Oberschenkel. Der Powder von gestern war heute megaschwer und nass. Doch für uns gab es kein Aufhören. Der Spaßfaktor war trotz erschwerten Bedingungen und nicht optimalem Freeride-Schnee ins unermessliche gestiegen. So beschloss Mario also die „K.o.-Abfahrt“ mit uns zu machen. Von Crap Masegn nach Treis Palas und weiter nach Alp Dado. Auf der Hälfte der Abfahrt angelangt fragt uns Mario: „Chicken-Line oder Abenteuer?“

Keine Frage, wir entscheiden uns für das Abenteuer! Unsere Beine werden uns das nie verzeihen, denke ich. Tiefer, nasser Schnee umhüllt bei jedem Carve das Snowboard. Mario fährt voraus und bleibt immer wieder stehen um nach uns zu schauen. Dann legt er wieder vor. Die Piste wird schmaler und schmaler bis wir zwischen Bäumen hindurch fahren. Am Rand ragen Felsen und Wurzeln heraus. Weit unten verläuft ein Bach von links nach rechts ins Tal. Parallel dazu ist die präparierte Piste zu erkennen. Die kurzen Pausen häufen sich, die Oberschenkel quälen uns. Unten angekommen müssen wir vom Board steigen, um dann über den Bach zu klettern und hoch auf die Piste zu gelangen. Die restlichen 300 Meter dienen zur Lockerung der Oberschenkel.

Fahren gegen eine weiße Wand

Bei Crao Sogn Gion auf 2228 Metern und mittlerweile starkem Schneefall legen wir eine Pause ein. Mario erzählt uns von seinen Erfahrungen als Ski- und Snowboard Guide, was für Kunden er so antrifft und warum er so verdammt gut ist. 11 Jahre Snowboarderfahrung können sich sehen lassen.

Nach dem Snack geht es zurück auf die Piste. Wir entscheiden uns dafür noch einmal die Crap Masegn Abfahrt zu machen und uns dabei etwas weiter links zu orientieren – die Chickenline sozusagen. Viel Zeit bleibt jetzt nicht mehr und das Wetter wird zunehmend schlechter. Der Nebel verdichtet sich wieder.

Auf der Talabfahrt von Crap Sogn Gion über Curnius gehen wir alle an unsere Grenzen. „Ab jetzt nur präparierte und abgesteckte Piste fahren“, befiehlt uns Mario. Zu Recht. Die Sicht ist mittlerweile so schlecht, dass man kaum weiter als fünf Meter sehen kann. Wir halten Abstand und verlassen uns auf unser Gefühl und Instinkt. Das Rauschen des Schnees unter unseren Boards und Skiern lässt nur erahnen wo der nächste ist. Es überholt keiner. Mario steht hin und wieder am Rand, um auf uns zu warten und anschließend wieder einzuholen. Nach etwa zehn Minuten lichtet sich das Bild. Bäume und Konturen sind langsam wieder zu erkennen. Laax liegt vor uns. Die letzten Meter sind befreiend, losgelöst von der weißen Hülle die uns eben noch umgeben hatte. Heute war wirklich alles dabei!