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Auf Touren kommen in BC: Splitboard-Date mit Evelyn

Text: Andreas Hottenrott

Vor der ersten Verabredung darf man ruhig aufgeregt sein. Erst recht, wenn man zum ersten Mal ein Splitboard anschnallt, um eine echte kanadische Schönheit zu erobern. Eine, die sogar schon auf der Leinwand zu sehen war. Leicht macht sie es ihren Verehrern wahrlich nicht. Doch am Ende des Tages bin ich ein bisschen verliebt, in Hankin-Evelyn, ein Skitouren-Areal bei Smithers.

Sechs Turns. Sechs wundervolle, unvergessliche Turns in perfektem Powder. Nicht mehr und nicht weniger hatte uns Dave zu Beginn der Tour versprochen. Nun ragt der steile Hang, der zwischen den Baumkronen hindurch in Sicht gekommen ist, tatsächlich wie ein Versprechen über uns empor. Eine weitere halbe Stunde wird der Aufstieg mit dem Splitboard wohl noch dauern. Eigentlich hatten meine Muskeln schon längst mit Streik gedroht, doch der Anblick des unberührten Tiefschnees setzt letzte Kraftreserven frei. Also geht es weiter, Schritt für Schritt, Meter für Meter. Sechs wundervollen Turns entgegen.

Wir sind unterwegs in der Hankin-Evelyn Backcountry Skiing Recreation Area im Bulkley Valley, kurz Hankin-Evelyn, ein paar Kilometer nördlich von Smithers. Offizielle Guides gibt es dort nicht, diese Funktion übernimmt Dave heute. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Jason führt er den Outdoor-Laden „Local Supply Co“. Zunächst hatten die beiden jeweils ihr eigenes Geschäft, legten diese dann aber zusammen. „Damit wir möglichst viel Zeit in den Bergen verbringen können“, lacht Dave. Diese Gelegenheit geben wir ihm doch gerne.

Splitboarden bei Smithers: Allein unter Experten

Nach einem hervorragenden Frühstück im „Two Sisters Café“ mit erstklassigen Pancakes hat sich unsere Gruppe morgens im Local Supply Co. getroffen. Kurz darauf verschwindet die Leihausrüstung auf der Ladefläche eines Pick-up-Trucks. Neben Führer Dave besteht unsere Gruppe aus Brian, der selbst auf der Piste immer mit dem Splitboard unterwegs ist, und Dina, die auf Tourenski mal den Weltrekord für die meisten Vertical Feet einer Frau innerhalb von 24 Stunden aufgestellt hat. Und aus mir. Ich stehe zum allerersten Mal auf einem Splitboard. Großartige Voraussetzungen.

Immerhin dauert es nicht lange, bis ich mich mit der Technik vertraut gemacht habe. Und auch nur unwesentlich länger, bis ich zuversichtlich auf den Fellen voranstapfe. Über eine sanfte Steigung folge ich Daves Spur an verschneiten Tannen vorbei tief hinein in den Wald. „So schwierig scheint das nicht zu sein“, denke ich. Und täusche mich damit gewaltig.

Das erste Mal auf dem Splitboard – aber sicher nicht das letzte Mal. © A. Hottenrott

Der moderate Einstieg ins Gelände weicht bald einem nicht unerheblichen Gefälle. Schon gerate ich ins Schwitzen. Meine Jacke ist längst im Rucksack verschwunden und die Mütze trage ich nur noch, um meine Haare zu bändigen. Trotz Funktionsunterwäsche meine ich, dicke Tropfen an meinem Rücken zu spüren. Notiz für später: beim nächsten Mal angemessen kleiden und Wechselklamotten einpacken!

Quer durch die Filmkulisse

Meinen Enthusiasmus kann das allerdings nicht bremsen. Genauso wenig wie die Tatsache, dass Dave und Dina den Berg scheinbar mühelos hochsprinten. Welchen Weg sie eingeschlagen haben, erkennen Brian und ich bald nur noch anhand der verräterischen Linien im Schnee. Im Vorfeld habe ich erfahren, dass im Hankin-Evelyn-Gebiet der Film „The Grey“ gedreht wurde. In dem Streifen verteidigt sich Liam Neeson gegen ein Rudel Wölfe. Von den Vierbeinern ist zwar nichts zu sehen, doch warum die Naturkulisse ideal für einen Überlebens-Thriller in der Wildnis schien, ist mir vollkommen klar. Alleine und ohne gesteigerte Pfadfinderfähigkeiten stünde man wohl auf verlorenem Posten.

Auf dem Weg nach oben warten einige Hindernisse auf Brian und den Rest der Gruppe. © A. Hottenrott

Nach einer Stunde etwa wird aus dem anstrengenden Marsch eine echte Herausforderung. Teilweise lotst uns Daves Spur direkt durch herunterhängendes Geäst, das mir Nadeln durchs Gesicht zieht, manchmal versinkt der Stock bis zum Arm in einem tückischen tree well. Einzelne Passagen sind so steil, dass ich als Anfänger Mühe habe, die Board-Spitzen überhaupt über den Schnee zu heben. Zweimal krieche ich auf Knien um die Kurve. Wenig effektiv, gar nicht elegant, aber letztlich zielführend.

Dann haben wir es geschafft. Mehr als zwei Stunden, ein paar Wutausbrüche und gut die Hälfte meines Gewichts in Schweiß später, doch wir sind an der Stelle angekommen, die Dave uns zeigen wollte. Was folgt, hatte er zwar angekündigt, ich ihm aber nicht geglaubt. Mal ganz abgesehen von der relativ exakt angegebenen Anzahl an Schwüngen im Tiefschnee: Das Gefühl ist fantastisch. Direkt unter dem Kamm geht es steil nach unten, durch kniehohen Powder, sodass ich mein Gewicht voll in die Kurven pressen und wie auf Wolken nach unten surfen kann. Könnte.

Sechs Turns: Klappe die Zweite!

Mit dem ungewohnt schweren Board an den Füßen und der völligen Verausgabung nahe entscheide ich mich zu einer spontanen Schneeprobe. Mit dem Kopf voran. Kann passieren – aber doch bitte nicht hier! Als Dave Anstalten macht, den Hang ein zweites Mal nach oben zu laufen, schließe ich mich noch einmal an. Wir sind nur zu zweit. Dinas Material streikt genauso wie Brians Waden. Der Aufstieg ist erwartet brutal, doch die sechs unvergesslichen Turns lasse ich mir nicht nehmen. Dafür bin ich hergekommen. Und im zweiten Anlauf klappt es unfallfrei, der pure Genuss. Berg 1, Andy 1. Mit diesem Ergebnis kann ich leben.

Dave, unser „Guide“ für den Tag, kennt die besten Spots im Skitourengebiet. © A. Hottenrott

Den Rest zum Parkplatz muss es jetzt nur noch abwärts gehen. Nach der Annahme, der Aufstieg mit dem Splitboard sei leicht, ist das mein zweiter Irrtum des Tages. Wir queren in Richtung einer Hütte, die noch ein gutes Stück entfernt ist. Spätestens jetzt wird die Tour zur reinen Kopfsache. Alle paar Meter bleiben Brian und ich stehen, um tief durchzuschnaufen. Den Fotoapparat zücken wir häufiger – reiner Vorwand für eine kurze Pause. Als wir den hölzernen Umriss in der Ferne entdecken, wirkt der einladender als jeder Wellness-Tempel. Ein bisschen geht es noch bergauf. Auf geheimnisvolle Weise scheint sich die Hütte weiter von uns zu entfernen, doch irgendwann stehen wir vor der Tür.

Outhouse mit Aussicht

Draußen gibt es Feuerholz, drinnen einen Ofen und ein paar Stühle. Sponsoren und Gönner des Freeride-Areals haben sich mit Logos an der Wand verewigt, Besucher handschriftlich in einem Gästebuch. Gleich neben der Hütte befindet sich ein Outhouse mit einem riesigen und nur einseitig durchsichtigen Panoramafenster. Wer die Aussicht von dort genießt, lässt sich vermutlich nur durch die Kälte von der Toilette vertreiben.

Nicht viele Outhouses können mit einer solchen Aussicht aufwarten. © A. Hottenrott

Ein Sandwich und eine geteilte Flasche Wasser später steht die letzte Etappe an, diesmal wirklich nur noch bergab. Auf für ein Freeride-Gelände komfortabel breiten Trails können wir Boards und Ski einfach laufen lassen. Die für diesen Weg gefällten Bäume wurden zersägt und an Ort und Stelle belassen. Unter der dicken Schneedecke bilden sie nun kleinere Hügel, die man entweder umfahren oder als natürliche Hindernisse spielerisch in die Abfahrt einbauen kann.

Am Ende des Tages haben wir rund 14 Kilometer zurückgelegt, die Angaben zu den Vertical Feet fehlen leider. Doch der Weg nach oben sei „schon anspruchsvoll“, gibt Dina zu. Das beruhigt mich. Auf einer um ihr Leistungsvermögen bereinigten Skala würde sich ihre Einschätzung vermutlich mit meiner – „Das war unmenschlich schwer“ – decken.

Als ich unter der heißen Dusche stehe und absolut floskelhaft erschöpft, aber glücklich bin, kommt mir ein Gespräch am Berg in den Sinn. Dort war die Rede von „Second Stage Fun“. Diese Freude, so hieß es, verspüre man erst in der Nachbetrachtung so richtig. Im Bademantel lasse ich mich aufs Bett fallen und schaue meine Bilder von Hankin-Evelyn auf der Kamera durch. Stimmt, von meiner kuscheligen Decke aus freue ich mich über eine ziemlich coole Erfahrung. Ich habe restlos alles an Kraft herausgehauen, das ich in mir hatte. Es war anstrengend und teilweise ein wenig frustrierend. Aber mehr als nur ein bisschen „First Stage Fun“ war definitiv auch dabei.