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Freeriden für Einsteiger: ein Selbstversuch am Arlberg

Text: Lukas Scheid

Der weltweit hervorragende Ruf des Arlbergs spricht Bände. Vor allem in der Freerider-Szene. Daher ist es wahrscheinlich kein Zufall, dass sich in Lech eine der wenigen Heliski-Spots der Alpen befindet. Doch was so einfach aussieht, wenn echte Könner perfekte Linien in den Pulverschnee ziehen, beruht tatsächlich auf einem reichen Erfahrungsschatz und hohen Sicherheitsstandards. Bevor man in den Flieger nach Kanada zum Heliskiing steigt, sollten erste Kenntnisse in Sachen Powdern bereits vorhanden und gefestigt sein – kein Problem, St. Anton am Arlberg bietet reichliche Möglichkeiten.

Für mich als Snowboarder gleicht es einem echten Abenteuer, auf breiten Powder-Latten die Tiefschneehänge am Arlberg zu entdecken. Ein ungewohntes Gefühl, so viel Flexibilität an beiden Füßen zu haben. Dazu kommen die Stöcke. Doch mein Ziel, fit für den Powder auf Ski zu werden, lässt mich alle „Unannehmlichkeiten“ vergessen. Glücklicherweise ist das Handwerk ähnlich, wie der Guide Harry mir zu Beginn erklärt: Gewichtsverlagerung, den Mut haben, sich in die Kurve zu lehnen und die Rockerform der Ski ausnutzen, indem man die Fußspitzen aktiv in den Schnee drückt. Soweit so gut, mit diesen Anweisungen kann ich etwas anfangen.

Back to the Roots – einfach mal wieder Anfänger sein

Sicherheitsausrüstung, Prüfung der aktuellen Bedingungen und Lawinenkunde sind Voraussetzung für einen Ausflug ins Gelände

Zunächst muss ich mich auf den breiten Skiern zurechtfinden. Sie sorgen zwar für mehr Auftrieb, sind allerdings auch deutlich schwerer zu wenden. Nach einigen Abfahrten auf der präparierten Piste habe ich den Dreh raus und wir wagen uns erstmalig ins noch sehr flaches Gelände. Doch bevor wir auch nur eine Kurve im Powder machen, checken wir die Sicherheitslage und unsere Ausrüstung. An sämtlichen Bergstationen am Arlberg stehen sogenannte Freeride-Checkpoints, wo man Windrichtung, Wetter, Neuschneemenge und die Lawinengefahrenstufe ablesen kann. Eine große Hilfe für jeden Freerider. Diese Werte sind dennoch mit Vorsicht zu genießen, da sie zwar von Experten erhoben wurden, aber von Irrtümern nicht ausgeschlossen sind. Die Lawinengefahrenstufe stellt beispielsweise nur einen Durchschnitt des gesamten Skigebiets dar und kann von Laien sehr schnell fehlinterpretiert werden, was dazu führt, dass sie sich in falscher Sicherheit wiegen. Daher ist bei jeder Fahrt im Tiefschnee höchste Vorsicht geboten und das entsprechende Equipment unbedingt erforderlich. Lawinenairbag, Schaufel, Sonde und LVS-Gerät wurden gecheckt, die Fahrt kann beginnen.

St. Anton am Arlberg: Freeriden at its best

Die ersten Kurven am Arlenmäder unterhalb der Schindlergratbahn gelingen noch problemlos, doch der erste Sturz lässt nicht lange auf sich warten. Ich werte es als Zeichen, ja nicht übermütig zu werden und mich nach wie vor als Einsteiger auf Skiern im Gelände zu verstehen. Der Weg zum Heliskiing ist noch ein sehr weiter. Es wäre falsch zu glauben, dass ich eine Grenzerfahrung wie Freeriden in Kanada, viele Kilometer von der Zivilisation entfernt, mal so nebenbei mitnehme. Wie bei jeder anderen Sportart auch ist Training das A und O.

Die Freeride-Checkpoints geben Auskunft über Wetter, Wind, Schneeverhältnisse und Lawinengefahrenstufe

Stück für Stück arbeiten wir uns in steileres und schwierigeres Gelände vor. Je nach Ausrichtung des Hangs verändert sich auch die Beschaffenheit des Schnees. Die vorangegangene Nacht war sehr windig, weshalb die Nordhänge durch sogenannten Triebschnee besonders anfällig für Lawinen sind. Auf dem Schindlerkar ist der Schnee ideal zum Üben und Ausprobieren. Der Hang ist breit und weitläufig, außerdem sind Anfang und Ende der Abfahrt pistennah, was ihn sehr beliebt unter Einsteigern macht. Hier probiere ich weite Schwünge und große Radien zu fahren. Schnell nehme ich Fahrt auf und werde bei der steigenden Geschwindigkeit unsicher auf den Skiern. Ich wechsle zu engen Kurven, die mehr Kontrolle am steilen Hang versprechen. Harry, der Powderguide, fährt weiter mit Affenzahn den Berg hinab und ich erwische mich dabei, wie ich unmittelbar ebenfalls schneller werde. Der Preis: Ich stürze! Ich beschließe, weiterhin kleine Brötchen zu backen und geduldig zu sein, schließlich ist Harry bereits sein ganzes Leben auf Skiern hier draußen unterwegs und ich zum ersten Mal.

Keine Hektik, wer sich stresst – stürzt!

Uns wird es hier zu voll! Das Wetter ist top und die Bedingungen könnten nicht besser sein – kein Wunder, dass wir nicht die einzigen sind, die zum Freeriden kommen. Doch hier lohnt sich der Guide gewaltig! Er kennt den Berg, nahezu alle Routen und weiß, welche Strecken für gewöhnlich weniger überlaufen sind. Wir fahren rüber nach Zürs und siehe da: Es ist fast nichts los. Zwar ist der Hang schattig, aber das stört uns in erster Linie nicht. Hier im Pazieltal haben wir die Möglichkeit, ein paar längere Hänge im Tiefschnee zu fahren. Dazu müssen wir jedoch auf einen Seitenhang kehren. Plötzlich hält Harry inne und blickt mich verstört an. „Hast du das gehört?“, fragt er. Ich war unaufmerksam und habe ein Wumm-Geräusch überhört, was im ungünstigsten Fall tödlich enden kann. Dieses Geräusch ist ein Signal für ein sich lösendes Schneebrett. Sofort kehren wir um und fahren einen anderen Weg.

Am Ende des langen Skitages bin ich platt, Tiefschneefahren fordert seinen Tribut. Ich habe lediglich einen ersten Eindruck davon bekommen, was es heißt, auf Skiern im Powder unterwegs zu sein. Darauf lässt sich aufbauen, doch fit fürs Heliskiing fühle ich mich noch nicht so recht. Da bedarf es noch des einen oder anderen Off-Piste-Tages.