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Flotter Dreier in Revelstoke

Text: Brigita Krieger

Sein Ruf ist legendär, die Schneehöhen gigantisch, die Bergmassive überwältigend – Revelstoke ist ein Mekka für Freerider und ein Novum in der Szene. Als einziges Ski-Resort der Welt bietet das Skigebiet im Herzen der kanadischen Provinz British Columbia die Zauberformel 3 in 1: Catskiing, Heliskiing und ein erstklassiges Skigebiet in einem.

Button_ski_kanada_5Zugegeben: „Flotter Dreier in Revelstoke“ – das klingt nach einem drittklassigen Schmuddelfilmchen aus den 1970er Jahren. Aber keine Sorge: Diese Reportage ist ski-jugendfrei. „Jungfräulich“ sind hier nur die Tiefschneehänge und „geil“ allenfalls die Abfahrten. Unser Ski-Guide Nigel war zwar ein cooler Typ, aber er hatte keine Lederhosen an und Angela und ich auch keine Dirndl. Und gejodelt wurde darunter schon gar nicht – obwohl, den einen oder anderen ekstatischen Freudenschrei konnten wir uns im Daunenbett-weichen Powder von Revelstoke tatsächlich nicht verkneifen.

Was für eine Traumkulisse

Was für eine Traumkulisse

Normale Touristen mögen das Eisenbahnstädtchen zwischen Calgary und Vancouver für unscheinbar halten, wir Skifahrer und Snowboarder aber finden es wunderschön. Kanadas Skifreaks nennen es liebevoll „Revy“, auch wenn Revy keine Schönheit ist. Das 7.000-Seelen-Städtchen am Columbia River besteht aus nicht viel mehr als Bahngleisen, ein paar Straßen und den üblichen Gewerbegebieten entlang des Transcanada Highways mit den obligatorischen Filialen von Starbucks bis McDonalds.

Dort und in der Handvoll Kneipen rund um die Mackenzie Avenue hängen bärtige Typen in rot-schwarz-karierten Holzfällerhemden herum und deutlich jüngere Ski-Freaks, die ihre Mützen auch drinnen niemals ausziehen. Die Holzfällertypen starren auf die Snowmobile auf den Ladeflächen ihrer Pick-up Trucks, die Powder-Junkies auf die Wetter-App ihrer Smartphones. Bis zum nächsten Powderday schlagen sie sich mit Aushilfsjobs durch. Ihre hart verdienten Dollar geben sie für Essen, Bier und die Highend-Ski-Klamotten von Arc’teryx aus. Gestylte Winterurlauber mit Pelzkrägelchen-Jacken sucht man in Revelstoke genauso vergeblich wie gemütliche Gasthöfe, idyllische Dorfplätze mit Kirchtürmen oder Hüttenzauber im Skigebiet. Alpenromantik? Fehlanzeige!

Revelstoke Section 8 Freeride Gita Treeskiing neutral c Bernhard KriegerDafür aber hat Revy etwas zu bieten, das wir in den Alpen in den vergangenen Jahren viel zu oft vermisst haben: Schnee – und den pulvertrocken und in rauen Mengen! Das Revelstoke Mountain Resort (RMR) bekommt pro Jahr zwischen neun und 14 Meter Schnee ab, die Gipfel der Selkirk und Monashee Mountains drumherum sogar bis zu 18 Meter! „Deshalb ist Revelstoke auch einer der berühmtesten Heliskiing-Hotspots der Welt“, erklärt Nigel Harrison.

Nigel ist einer der besten Skilehrer Kanadas. Zusammen mit zwei Partnern führt er das Section 8 Snowsport Institute. Die auf Vancouver Island beheimatete Ski-Akademie coacht Schneesport-Profis im ganzen Land, bringt aber auch Ski-Normalos in kurzen Camps die entscheidenden Feinheiten der Technik bei. Besonders gern schult Nigel in Revelstoke. „Der Berg ist einfach ideal, weil er alles bietet von breiten, flachen Abfahrten über Buckelpisten und Waldabfahrten bis hin zu extremem Terrain“, schwärmt Nigel.

Das Revelstoke Mountain Resort eignet sich auch perfekt zur Vorbereitung auf den Ausritt ins Gelände beim Cat- oder Heliskiing. Als einziges Ski-Resort der Welt bietet Revelstoke alles aus einer Hand: ein erstklassiges Skigebiet, Catskiing direkt vom Gipfel aus und Heliskiing. 3 in 1 lautet die Zauberformel in Revelstoke.

2007 begann die nicht immer ganz rückschlagsfreie Erfolgsgeschichte des jüngsten Skiresorts Nordamerikas. 2007 wurde das Skigebiet unter dem 2.456 Meter hohen Mt. Mackenzie eröffnet. Mit 1.713 Metern bietet Revelstoke die größte Höhendifferenz aller Skiresorts in Nordamerika, die Last Spike-Abfahrt misst als längste der 65 Pisten stattliche 15,2 Kilometer.

Nigel von Section 8 bei der Arbeit

Skilehrer Nigel von Section 8 bei der Arbeit

Revelstokes Skigebiet lockte mit seinem Höhendifferenz-Superlativ und mit seinem Cat- und Heliskiing-Angebot schnell Skifahrer aus der ganzen Welt an. Trotzdem stand RMR bald schon kurz vor der Pleite. Die Finanzkrise erwischte den Newcomer mitten in der kritischen Aufbauphase. Sinnigerweise heißt eine der bösesten Buckelpisten direkt unter der Gondel „Kill the Banker“. Den Namen habe sie aber schon vor der Finanz-Krise erhalten, versichern sie in Revelstoke.
Zehn Jahre nach seiner Eröffnung und einige Jahre nach dem Platzen der Immobilienblase in Nordamerika ist RMR jetzt aus dem Gröbsten raus, auch wenn längst noch nicht alle der hochtrabenden Ausbaupläne verwirklicht sind. Neben der Gondelbahn mit zwei Sektionen gibt es nur zwei Sessellifte, was in der Hochsaison und an Wochenenden zu Warteschlangen führt. Auch so manche Vorzeige-Immobilie ist noch nicht gebaut.

Das Ziel in SIcht

Das Ziel in SIcht

Dennoch kann sich das Ski-Resort am Ortsrand von Revelstoke mehr als sehen lassen. Das Sutton Place Hotel ist das beste Haus weit und breit, der große beheizte Outdoor-Pool Luxus pur und die Gastronomie mit Restaurants, Cafés und Après-Ski-Bars erstklassig. Ins Ortszentrum fahren kostenlose Shuttle-Busse vorbei an atemberaubenden Luxusvillen wie der Bighorn Lodge, die stolze 65.000 Kanadische Dollar pro Woche kostet, dafür aber auch den eigenen Hubschrauber-Landeplatz vor der Tür hat.

Bedient wird die Bighorn Lodge von den Helis von Selkirk Tangiers. RMR hat Selkirk Tangiers von dessen Gründer Peter Schlunegger übernommen. Der Schweizer zählt zu den großen Pionieren des Heliskiings. Selkirk fliegt direkt aus dem Ski-Village am Fuße des Revelstoker Skigebiets, vor allem aber von seiner Basis aus am Hillcrest Hotel oberhalb von Revelstoke.

„Hillcrest ist eine der meist besuchten Heliskiing-Lodges Kanadas“, sagt Bert Astl vom Stumböck Club. Der deutsche Spezialist für begleitete Ski-Gruppenreisen nach Kanada bringt jede Saison viele hundert Skifahrer und Snowboarder aus Europa zum Heliskiing zu Selkirk Tangiers. Revelstoke ist bei Europäern als Heliskiing-Ziel auch deshalb besonders beliebt, weil man an den wenigen Schlechtwettertagen, an denen die Helis nicht fliegen können, ins Skigebiet ausweichen kann. So geht kein wertvoller Skitag in Übersee verloren. In der Hochsaison verwandelt sich die Heliskiing-Basis des Hillcrest deshalb regelmäßig in eine kleine deutschsprachige Kolonie in Kanada.

Für die schönsten Abfahrten von Revelstoke läuft Gita doch gerne ein paar Meter bergauf.

Für die schönsten Abfahrten von Revelstoke läuft Gita doch gerne ein paar Meter bergauf.

Unter die Stammgäste bei Selkirk mischen sich natürlich auch immer wieder Heliskiing-Firsttimer. Und für diese Novizen sind die Camps von Section 8 in Revelstoke wie geschaffen. Wer noch nicht so viel Erfahrung im Tiefschneefahren hat, wird von Coaches wie Nigel in kürzester Zeit fit gemacht für das ultimative Ski-Abenteuer in der schier endlosen weißen Wildnis Kanadas.

„In Revelstoke können wir Skifahrer optimal an das Geländefahren heranführen“, erklärt Nigel Angela und mir während der Gondelfahrt. Angela organisiert Abenteuerreisen. Sie ist zwar eine sehr gute Skifahrerin, für extreme Expeditionen will sie sich aber bei Nigel den letzten Schliff holen. „Ihr seid typische Kunden für mich und typische Revelstoke-Gäste“, erklärt Nigel. „Zu uns und nach Revy kommen gute Fahrer, die noch besser werden wollen.“

Nigel beginnt seinen Unterricht auf den präparierten Pisten, dann biegt er immer häufiger ins unpräparierte Gelände ab. Neben dem Stoke-Lift durchforsten wir die lichten Wälder des Tasty Glades-Areals, dann wechseln wir zum Ripper-Lift in die anspruchsvolleren Powder Monkey Glades. Bevor wir dort beim Tree Skiing vom Naturslalom durch die Bäume noch den Affen kriegen, führt uns Nigel wieder ganz nach oben auf die offenen Steilhänge. Mit Blick auf den wie Quecksilber schimmernden Columbia-River im Tal schießen wir hinein in Revelstokes berüchtigte North Bowl. Erst nehmen wir den direkten Weg vom Lift über den „Meet the neighbours“-Run. Der steile, unpräparierte Hang ist zu Recht als Double Black Diamond-Run deklariert. Mit zwei schwarzen Diamanten zeichnen die Nordamerikaner ihre schwierigsten Abfahrten aus.

Skilehrer Nigel erklärt wo es lang geht

Skilehrer Nigel erklärt wo es lang geht

Immer wieder gibt uns Nigel Tipps, korrigiert und erklärt kurz Grundlagen, um dann wieder Gas zu geben. „Jetzt kommt das Highlight“, verspricht Nigel im Stoke-Sessellift. Oben angekommen, schultern wir die Ski und stapfen rund 20 Minuten steil bergauf Richtung Mt. Mackenzie. Der Aufstieg ist kein Spaziergang, aber auf rund 2.300 Metern auch keine echte Herausforderung. Auf den fast 4.000 Meter hohen Gipfeln in Colorado brennen die Lungen sehr viel mehr.

Auf dem 2.340 Meter hohen Sub Peak angekommen, genießen wir einen überwältigenden Panoramablick auf die Selkirks auf der einen und die Monashees auf der anderen Seite der Tales. Wie in einer Perlenkette reihen sich Gipfel, Gletscher, Hochtäler und Traumhänge aneinander. „Das ist Heliskiing-Country“, sagt Nigel. Oft liegen hunderte Kilometer zwischen einer Ortschaft und der nächsten. Kein Strommast, keine Straße, kein Gebäude stört das Bild dieses weißen Winterwunderlands.

Direkt von Revelstoke aus fliegen Selkirk Tangiers sowie Canadian Mountain Holidays (CMH) Skifahrer und Snowboarder in dieses Ski-Paradies. Ein halbes Dutzend anderer Heliskiing- und Catskiing-Anbieter operiert rund um Revelstoke. „Wenn ihr hier in Revelstoke unter dem Mt. Mackenzie souverän hinunterkommt, dann könnt ihr dort überall ganz gelassen an Bord gehen“, verspricht Nigel.

Und tatsächlich sind die tief verschneiten und mit Cliffs durchsetzten Steilhänge an der Nordflanke des Mt. Mackenzie der ultimative Test für jeden Cat- oder Heliskiing-Ausflug. Mit einem zaghaften Hüpfer springe ich in den Hang, der Respekt vor den Felsen links lässt meine Oberschenkel krampfen, aber dann komme ich endlich in den Rhythmus, den Nigel im Tiefschnee propagiert, und gleite schwerelos hinunter in die North Bowl. Nigel und Angel warten schon, um mich abzuklatschen. Vollgepumpt mit Glückshormonen cruisen Nigel, Angela und ich über die schönsten Genusspisten ins Tal – im Formationsflug als flotter Dreier.