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Steep Skiing mit Extremely Canadian in Whistler: Wenn Freeriden auch Kopfsache ist

Text: Andreas Hottenrott

Die Herkunft bayerisch, inzwischen aber „extrem kanadisch“: In Whistler Blackcomb bringt Sonja Lercher den Gästen von Extremely Canadian das Fahren in jedem Gelände bei. In Couloirs und Waldpassagen ist die ehemalige Freeride-World-Tour-Teilnehmerin ganz in ihrem Element – zumal sie mit Bäumen ohnehin eine besondere Vergangenheit verbindet.

Mit Extremely Canadian zu Whistlers steilsten Hängen

Schroffe Felsen auf beiden Seiten, nur ein schmales weißes Band dazwischen und die ersten Meter so steil, dass sie selbst knapp vor der Kante noch im Verborgenen liegen: Einstiege in Couloirs können einiges an Überwindung kosten. Manchmal braucht es schon einen kleinen Schubser, damit man sich in Bewegung setzt. Natürlich nur im übertragenden Sinn. An dieser Stelle würde ein echter Stoß in den Rücken wohl das gleiche Gefühl auslösen wie in einem fliegenden Helikopter bei geöffneter Tür.

Sonja von Extremely Canadian und Bernhard von SKI KANADA beim Einstieg in den Pakalolo Couloirs. © Andreas Hottenrott

„Der Kopf spielt eine große Rolle“, weiß Sonja Lercher. „Allein schon, weil du dich über die Ski lehnen musst und nicht zurück. Dann schaust du über eine Kuppe und denkst dir: Nie im Leben mache ich das!“ Aber schließlich machst du es dann doch – nicht zuletzt dank Leuten wie Sonja und den anderen Coaches von Extremely Canadian.

Die All Mountain Skiing Experten haben ihren Sitz am Fuß der beiden gigantischen Berge Whistler und Blackcomb und somit am perfekten Ort für ihre Kurse. Egal, ob Kunden ihre Fähigkeiten im Tiefschnee verbessern, respekteinflößende Steilhänge meistern oder sich fit fürs Heliskiing machen wollen: Im 30 Quadratkilometer großen Skigebiet finden die Extremely Canadian Coaches genau die richtigen Herausforderungen für jedes Anliegen.

Bernhard auf Whistlers Steilhängen.

Unser Anliegen für heute: Wir möchten einige der herausforderndsten Hänge von Whistler Blackcomb fahren. Nun stehen wir oberhalb des Couloirs „Pakalolo“. Eiskristalle knirschen unter Ski und Board, während wir uns dem Einstieg über knüppelharte Hügel nähern. Durch die Felsschneise vor uns sehen wir schemenhaft die Sitze des Glacier Express im Nebel – jedoch noch nicht den Untergrund der Rinne zu unseren Füßen. Der offenbart sich erst im letzten Moment. Ein Blick Richtung Sonja, die zuversichtlich nickt. Durchatmen. Schultern lockern. Und los geht’s.

„Zeig uns, wie gut du fährst“

Sonjas Zuversicht kommt nicht aus einem Bauchgefühl, dass schon nichts schiefgehen werde. Sie kann das fahrerische Können ihrer Gäste präzise einschätzen. Zu Beginn jeder „Steep Skiing Clinic“ steht das „Ski off“ an, bei dem alle Teilnehmer kurz demonstrieren müssen, was sie auf dem Kasten haben. Entsprechend sieht die Einteilung der Gruppen aus. Niemand wird überfordert.

Ein Standardprogramm hat Sonja nicht in ihrem Repertoire. Die Runs sucht sie nach dem Level der Gäste aus, aber auch nach Faktoren wie Wind oder Schneefall. Oder, wie heute, Nebel. Seit den Morgenstunden schon liegt ein grauer Schleier über den Hängen von Whistler und Blackcomb. „An solchen Tagen bin ich viel in den Couloirs unterwegs“, erzählt uns Sonja. „Die Felsen bieten einen guten Kontrast.“

Das stimmt zwar, und natürlich laufen wir nicht Gefahr, mit der steinernen Begrenzung an den Seiten zu kollidieren oder die Orientierung zu verlieren. Dennoch ist die Abfahrt alles andere als ein Kinderspiel. Die Konturen des Hangs verschmelzen im diffusen Licht zu einem einheitlichen Brei. Verborgene Eisflächen, auf denen die Kanten kurz den Halt verlieren, oder Unebenheiten, die Ski oder Snowboard  unvermittelt aus der Bahn werfen, versetzen uns kurze Schreckmomente.

Wer mit Extremely Canadian unterwegs ist, muss hin und wieder zu Fuß aufsteigen. © Andreas Hottenrott

„Eine harte Schule“, gibt unser Coach am Ende des Runs mit einem Grinsen zu. Die müssen allerdings die meisten ihrer Gäste durchlaufen. Denn die engen Rinnen sind nicht nur ein gutes Schlechtwetterprogramm. Sie sind auch ideal, um Skifahrern und Snowboardern beizubringen, in der Falllinie zu bleiben. Auf weiten Hängen könne man schließlich ewig seitlich fahren. „Doch ich möchte schnelle, zusammenhängende Schwünge sehen“, sagt Sonja. Bei nur wenigen Metern Platz ist man dazu praktisch gezwungen.

Freeride World Tour: Von der Athletin zur Schiedsrichterin

Einen kritischen Blick wirft Sonja nicht nur auf die Technik ihrer Schützlinge. Auch die Athletinnen und Athleten der Freeride World Tour (FWT) müssen ihrem Urteil standhalten, wenn sie als Schiedsrichterin zum Event reist. Früher jagte die gebürtige Deutsche selbst noch Punkte auf der Tour. Dabei hätte sie beinahe Karriere als Rennläuferin gemacht.

Sonjas Mutter, eine Skilehrerin, stellt sie schon früh auf die Ski. Mit drei Jahren fährt sie den Großen hinterher, mit sechs Jahren für den Skiclub von 1860 München. Sonjas Weg führt bis in den Kader der Juniorennationalmannschaft – bis sie mit 17 Jahren alles hinschmeißt, sehr zum Schock ihres Trainers.

Als sie kurz darauf nach Wien zieht und eine Lehre in einem renommierten Hotel beginnt, fährt sie noch ein paar Rennen für einen lokalen Skiclub. Doch in Österreich hält es Sonja nicht lange. Über Umwege landet sie in Kanada und entdeckt dort ihre neue Leidenschaft. In Whitewater, einem Resort nahe des Städtchens Nelson, wird aus der vielversprechenden Rennläuferin eine passionierte Freeriderin. „Meinen ersten Wettkampf bin ich 2004 in Red Mountain gefahren“, erinnert sich Sonja. Sie arbeitet sich nach oben bis zur damaligen Free Skiing World Tour, später zur Freeride World Tour, bis ein folgenschwerer Sturz in Chamonix ihre Karriere abrupt beendet.

Nach dieser und anderer Verletzungen sei sie inzwischen ein bisschen „mellow“ geworden, ein bisschen gemächlicher, meint Sonja. „Aber wenn ich mit Leuten für Extremely Canadian fahre, fordere ich sie heraus“, sagt sie und ergänzt mit einem Augenzwinkern: „Es gefällt mir, wenn sie ein bisschen Angst haben.“

Sonja und Andy beim Tree Skiing. © B. Krieger

Unsere nächste Aufgabe heißt Saudan Couloirs, und da der Himmel einfach nicht aufklaren will, wenden wir uns anschließend den Wäldern zu. Die sind bei schlechter Sicht immer eine gute Option. Doch es braucht gar keinen trüben Dunst, um einem den Slalom zwischen den Bäumen schmackhaft zu machen. Tree Skiing in Whistler ist bei jedem Wetter überragend. Auch lange nach dem letzten Schneefall finden sich zwischen Fichten, Zedern und Kiefern noch federweiche Tiefschneekissen.

CBC ist Blackcombs Tree Skiing Paradies

Beim Crystal Ridge Express schultern wir Ski und Snowboard und stapfen, einer nach dem anderen, einen Pfad zu CBC an der Grenze des Skigebiets hinauf. Fußabdrücke anderer Freerider haben im Schnee zwischen Felswand rechts und Abhang links provisorische Stufen entstehen lassen. Oben angekommen folgen wir den Spuren unserer Vorgänger noch ein Stück, dann gibt Sonja das Zeichen, dass wir anschnallen können.

Nach dem sehr technischen Fahren in den Couloirs ist CBC fast so etwas wie Erholung. Anspruchsvoll, ja, steil, ohne Frage, aber streckenweise purer Genuss. Gerade im oberen Bereich stehen die Bäume so weit auseinander, dass wir praktisch unbehelligt durch den weichen Schnee surfen. Erst gegen Ende verlangen uns dichter beieinander stehende Stämme etwas mehr Weitsicht ab.

„In Europa ist es nicht normal, dass man im Wald unterwegs ist“, weiß Sonja. „Für viele ist es daher ungewohnt, dass die Bäume schnell auf einen zukommen.“ Die Wahl-Kanadierin rät, beim Fahren immer auf die Lücken zu schauen. Visiert man die Stämme an, steuert man leicht darauf zu.

Bei schlechter Sicht ist Tree Skiing immer eine gute Option. Aber nicht nur dann. © Andreas Hottenrott

Eine Wald-Expertin ist Sonja übrigens nicht nur, weil sie darin mit traumwandlerischer Sicherheit gen Tal powdert. Als sie nach Kanada kam, verdiente sie ihren Lebensunterhalt mit dem Pflanzen von Bäumen. Entlang der Sunshine Coast, in Pemberton, in Squamish – Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende Sprösslinge hat sie im Laufe der Zeit in die Erde gebracht. Pro Tag teilweise 2.500 bis 3.000, entlang der Küste weniger als 1.000. 40 Cent gab es pro Stück. Hart verdientes Geld. Aber letztlich ein Glücksfall. Ein Vorarbeiter legte ihr ans Herz, nach Whistler zu gehen, wenn sie wirklich Skifahren wolle. Dort ist sie seit 2004.

„Experts only“ mit Extremely Canadian.

Inzwischen kennt sie das Skigebiet in- und auswendig, nicht zuletzt durch einen Job bei der Bergwacht, Blackcomb noch ein bisschen besser als Whistler. „Vieles, was wir fahren, ist nicht offensichtlich“, erklärt Sonja. „Du musst deine Ski auch mal ausziehen, ein Stück hiken oder ein bisschen traversieren. Das ist schon ziemlich viel Arbeit.“ Nach zwei Tagen Steep Skiing Clinic seien die meisten Leute platt.

Whistlers Blackcombs Edelsteine unter den Abfahrten

Das scheint uns nach nur einem Tag mit Sonja nachvollziehbar. Unter anderem klettern wir noch ein paar Mal Spanky’s Ladder empor, einen Aufstieg am Glacier Experess, der Zugang zu den „Gemstone Bowls“ Garnet, Diamond, Ruby und Sapphire gewährt. Das Terrain ist großartig, aber mit Klippen durchsetzt. Wer sich nicht auskennt, findet sich schnell in einer brenzligen Situation wieder.

Extremely Canadian ist auch für Snowboarder!

Einen besonders herausfordernden Einstieg heben wir uns bis zum Schluss auf. Dort oben stehen wir, kaum Platz zum Drehen, dunkle Felsen wie eine Drohung unter der Schneeschicht schimmernd und ein Gefälle vor Augen, das keinen Spielraum für Fehler lässt. In solchen Fällen sind Sonjas Techniktipps sicher Gold wert – aber noch mehr vielleicht ihre Einschätzungen, was machbar ist. Traut dir die Expertin die Abfahrt zu, ist das besser fürs Selbstvertrauen, als wenn dir dein Kumpel mit einem aufmunternden Klaps viel Glück bei deinem Vorhaben wünscht.

„Ich  habe einfach Spaß daran, Gästen das Skifahren in steilem Gelände beizubringen“, sagt Sonja. Für jedes „Nie im Leben“, das sie hört, gibt es von ihr ein „Doch, das schaffst du.“ „Wenn die Leute dann unten angekommen sind und hochschauen, können sie oft gar nicht glauben, was sie da gerade gefahren sind.“ Auch dank Sonjas Motivation. Denn alles, was es manchmal braucht, ist ein kleiner Schubser. Im übertragenden Sinn.

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