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Mein erster Heliskiing-Tag: Achterbahnfahrt der Gefühle

Text: Brigita Krieger

Wahnsinnig schön oder purer Wahnsinn? Heliskiing ist beides und alles dazwischen! Vor allem für First-Timer ist die exklusivste Form des Skifahrens und Snowboardens ein echter Adrenalin-Kick.

Minus 20 Grad Celsius sind kein Vergnügen. Nicht mal an einem Powder-Tag in Kanada. Aber in dieser Eiseskälte ist der Pulverschnee nicht nur so trocken wie ein guter Martini, die frostigen Temperaturen sind auch Bedingung für ein einzigartiges Naturschauspiel: Im Rock Garden von Lake Louise steigt eine winzige Dampfwolke aus dem Boden auf. Sie kommt aber nicht aus einer heißen Quelle, sondern aus einer Höhle. In der kristallklaren Luft ist der Atem eines Grizzlybären zu sehen. „Wenige Meter unter unseren Ski hält der Bär seinen Winterschlaf“, erzählt mein Guide Sandy Best. Willkommen in Kanada, dem Ski-Abenteuerland, in dem ich endlich meinen Traum vom Heliskifahren verwirklichen will.

Heliskiing ist für jedermann

Heliskifahren ist nur etwas für echte Könner und Draufgänger, habe ich immer geglaubt. In meiner durchgehenden Fantasie sah ich mich dann auch schon in James Bond-Manier mit Skiern aus einem fliegenden Hubschrauber springen. Nein, fürs Heliskifahren bin ich definitiv nicht gut und erst recht nicht mutig genug! Klar komme ich eigentlich jede Piste ordentlich runter und ich habe mich auch schon in kniehohen Pulver getraut. Aber irgendwo in den Rockies von einem Hubschrauber abgesetzt zu werden, um dann für immer in hüfthohem Schnee zu versinken – nein, das ist nichts für mich, habe ich immer gesagt.

„“Ist es doch!““, meinte dagegen Bap Koller – und der sollte es besser wissen. Der Bayer ist nämlich staatlich geprüfter Skilehrer und Spezialist für Heliski- und Catski-Touren in Kanada. „RK Heliski in Panorama hat extra auf Heliski-Anfänger ausgerichtete Programme“, erzählte Koller. Auch nur durchschnittlich gute Skifahrer würden dort an das Abenteuer Heliskifahren herangeführt. Und mit 630 Euro für einen Schnuppertag mit drei Flügen hielten sich auch die Kosten in Grenzen.

Warmfahren fürs Heliskiing in Lake Louise

Drei Monate später stehe ich nun tatsächlich in Kanada. Zum Akklimatisieren und Einfahren habe ich auf dem Weg nach Panorama noch einen Zwischenstopp in Lake Louise eingelegt. Wegen der Nähe zum Flughafen, den vielen Geländeabfahrten und wegen Typen wie Sandy Best, der mich an meinem ersten Tag in Lake Louise in den einzigartigen Rock Garden führt. Wenn er nicht gerade auf seinem eigenen Eiland auf den Fidschi Inseln sitzt, arbeitet er für das Lake Louise Skiresort. Zum einen, weil er ein Freund des Besitzers Charles B. Lock, vor allem aber, weil er leidenschaftlicher Skifahrer ist. Nichts und niemand kann den charismatischen Glatzkopf vom Berg abhalten – keine Kältewelle, kein Schneetreiben und keine Verletzung. Eines seiner Handgelenke ist mit einer Stahlplatte versteift, seine Knie viele Male zusammengeflickt.

„Im weichen Neuschnee spüre ich davon aber nichts“, meint Sandy und zeigt am Fuß des Rock Garden hinauf auf die meterhohen Felsblöcke, deren Ecken und Kanten von Schneekissen abgepolstert sind. Vor vielen tausend Jahren hat ein gigantischer Felssturz diesen Zen-Garten für Riesen geschaffen, in dem Grizzlys überwintern und sich Skifahrer im Felsenslalom versuchen.

Landschaftlich schönstes Skigebiet

Das berühmte Skiresort in der Provinz Alberta ist eines der größten Skigebiete Nordamerikas und landschaftlich sicherlich das schönste Kanadas. Nur 30 Autominuten von Banff entfernt, liegt Lake Louise mitten in der Wildnis der Rocky Mountains. Man sieht unendlich große Wälder, Seen, Flüsse und Berggipfel. Von der Vorderseite des Berges mit den breiten Genuss-Abfahrten und den Weltcup-Rennpisten schaut man hinüber auf das Fairmont-Hotel Chateau Lake Louise. Unterhalb des Victoria-Gletschers liegt das legendäre Haus direkt am zugefrorenen See, auf dem Schlittschuh- und Langläufer ihre Runden ziehen und Kinder Eishockey spielen.

Genauso beeindruckend wie das Postkartenidyll rund um das Chateau ist das Skigebiet. Vor allem die Powder Bowls auf der Rückseite des 2.672 Meter hohen Mount Whitehorn. Auch wenn die Geländeabfahrten von der Ski Patrol überwacht sind, trage ich zur Sicherheit den ABS-Lawinenrucksack auf dem Rücken und habe das Lawinen-Verschütteten-Suchgerät von Ortovox  umgeschnallt. Die Vorstellung, das alles einmal im Ernstfall benutzen zu müssen, macht mich nervös – obwohl das giftgrüne Teil unter meiner Arcteryx-Jacke irgendwie auch cool aussieht. „Aber die Sicherheitsausrüstung muss sein und deine Vorbereitung auf das Heliskifahren soll ja so realistisch wie möglich sein“, meint Sandy. Erst führt er mich in die Bowls, in denen ich mich ganz achtbar schlage, dann aber steuert er die Wälder unter dem Ptarmigan-Sessellift an.

Im Rhythmus bleiben beim Tree-Skiing

„“Let´s go tree-skiing““, ruft Sandy voller Vorfreude, während mir die Farbe aus dem Gesicht weicht. Und das liegt diesmal nicht an der Kälte. Wo kann man in den Alpen schon mal im wilden Slalom durch Wälder fahren? Da fehlt mir die Erfahrung. Sandy tänzelt spielerisch durch die Bäume, ich kurve verkrampft um die Stämme herum. „Nicht auf die Bäume schauen und Rhythmus halten“,  empfiehlt Sandy. Wenn das mal so einfach wäre!

Aber Sandy hat ja recht, wenn er sagt: „Heliski heißt nicht immer, offene Gletscher, kniehoher Pulver, blauer Himmel und Sonne.“ Das hat mir auch schon Bap Koller ganz ehrlich gesagt. „Die Hubschrauber dürfen nicht durch eine Wolkendecke aufsteigen, fliegen also bei schlechterem Wetter nicht so hoch und dann fährt man eben in den Wäldern.“ Jede Übungsfahrt zwischen den Bäumen ist mir also willkommen vor meinem Heliski-Abenteuer.

Am nächsten Mittag fahre ich nach einem Einkaufsbummel über die Main Street von Banff hinüber ins Panorama Mountain Village in British Columbia. Knapp zwei Stunden dauert die Fahrt – für kanadische Verhältnisse ein Katzensprung.

Heiße Pools zur Entspannung in Banff

Das Ski in-Ski out-Resort Panorama schmiegt sich direkt an die Hänge. Einige imposante Villen aus Holz und Naturstein stehen einzeln am Waldrand, die Appartementhäuser aber gruppieren sich um die kleine Ski-Arena im Ort, wo die Lifte starten und alle Pisten zusammenlaufen. Linkerhand ziehen jetzt am Abend dichte Dampfwolken in den sternenklaren Himmel. Sie steigen aus mehreren Pools mit heißem Wasser empor, in denen Skifahrer ihre malträtierten Muskeln lockern.

Am nächsten Morgen wartet schon Bap Koller am Mile 1-Sessellift auf mich. Bevor ich morgen erstmals in den Heli steige, bereitet er mich heute im Skigebiet auf das Abenteuer vor. Bap hat sich diesen sanften Einstieg für sein Heliski-First-Timer-Programm einfallen lassen. Er selbst ist heute zufällig in Panorama und kümmert sich deshalb selbst um mich. Normalerweise übernimmt einer der Heliski-Guides von RK den Vorbereitungstag. Das Skigebiet von Panorama ist ideal dafür, schließlich war die Tanyton Bowl bis vor kurzem noch reines Heliski-Gebiet.

Einfahren in Kanadas Top-Resorts

Bevor wir uns vom 2.400 Meter hohen Gipfel des Panorama Mountain in die zum Teil extrem schweren Wald-Geländeabfahrten der Tanyton Bowl stürzen, fahren wir uns auf präparierten Pisten ein, auf denen schon Weltcup-Rennen ausgetragen wurden. Nach den ersten, weiten Bögen fordert Bap Kurzschwünge. „Im Rhythmus bleiben, Speed kontrollieren“, lautet die Devise. „Eben wie im Tiefschnee“, sagt Bap und gibt mir hier und da noch ein paar Tipps, damit ich die im Tiefschnee tödliche Rücklage vermeide. Auf präparierten Pisten ist das ja auch kein Problem, auf den Geländeabfahrten zwischen dicht stehenden Bäumen sieht das aber schon anders aus.

Beim Burger mit geräuchertem Lachs in der Elkhorn-Hütte erzählt Bap, wie viel Wert die Kanadier auf Sicherheit legen. Die Piloten und die Guides seien fantastisch ausgebildet. Alle Heliski-Anbieter innerhalb einer Region tauschten täglich Informationen über Wetter, Schneebeschaffenheit und Lawinengefahr aus. Das beruhigt.

Erster Kontakt mit dem Heli

Am Nachmittag drehen wir noch ein paar Runden in den Wäldern, dann geht es rüber zur Heliski-Basis, wo Rod Gibbons schon wartet. Der Chef-Guide von RK erklärt mir, was man am Hubschrauber anfassen darf und was nicht, wie man sich ihm nähert, wie man ein- und aussteigt. Von Hinausspringen à la James Bond sagt er zum Glück nichts. „Für First-Timer mache ich diese Einweisung gerne am Vortag. Das macht den ohnehin aufregenden ersten Heliski-Tag entspannter“, sagt Bap.

Mag sein, ich habe trotzdem in der Nacht schlecht geschlafen und stehe am Tag X morgens um acht Uhr mit Kribbeln im Bauch an der Heli-Basis. Nach und nach trudeln meine Mitflieger ein, die meisten blutige Heliski-Anfänger wie ich. Die erfahreneren kommen in eine andere Gruppe. Gott sei Dank. Einen Haufen ungeduldig auf mich wartender Cracks kann ich nun gar nicht brauchen – zumal von dem erhofften Kaiserwetter keine Spur ist. Der Himmel ist bewölkt, es schneit leicht und ist minus 15 Grad Celsius kalt.

Man übt den Ernstfall

In der Heli-Basis gibt es erst mal Frühstück – dünnen Kaffee und dicke Omeletts. Rod erklärt derweil, was bei einem Lawinenabgang zu tun ist. Er zeigt, wie Funkgerät, Sonde und Schaufel funktionieren. Die Cracks mampfen gelassen Eier mit Speck, wir Anfänger starren angespannt auf Rod. Draußen haben flinke Helfer schon Fat-Ski für uns vorbereitet. „Die breiten Latten machen das Tiefschneefahren sehr viel leichter“, verspricht Rod und bittet alle zum Sicherheitstraining auf dem Parkplatz. Gewissenhaft erläutert er die Funktion des Lawinen-Verschütteten-Suchgeräts und zeigt nochmals, wie so eine Suche im Ernstfall abläuft. Dann üben wir selbst Suchen und Bergen.

Während die anderen jetzt noch zur Heli-Einweisung müssen, gehe ich zurück in die Blockhütte und wärme mich am Kamin erst mal auf, versuche mich zu entspannen. Dann geht es los. Leicht gebückt gehe ich auf den Heli zu, schleife meine zusammengebundenen Ski hinter mir her und gebe sie zusammen mit meinen ABS-Rucksack an Rod weiter. Der verstaut alles im Außenkorb, während wir in den Heli klettern und uns anschnallen. Wenige Minuten später hebt der Heli ab. Die Rotoren hämmern noch lauter als mein Herz. Der ohrenbetäubende Lärm im Hubschrauber erinnert mich irgendwie an Filme über den Vietnam-Krieg. „Du fliegst nicht in den Krieg, sondern zum Skifahren“, ermahne ich mich selbst.

Gute zehn Minuten später setzt uns der Heli auf einer sanften Kuppe ab. Hoch hinauf auf die einfacher zu fahrenden Gletscher können wir nicht, die Wolken sind zu dicht. Das Aussteigen läuft reibungslos. Wir kauern uns seitlich vor den Heli, der uns beim Abheben mit den aufwirbelnden Schneekristallen ein Peeling verpasst.

Plötzlich herrscht Ruhe. Fast ergriffen schauen wir uns um – nichts als weiße Wildnis. Wie in einer Schneekugel rieseln die aufgewirbelten Schneekristalle auf uns nieder. Rod ist die Ruhe selbst, wir werden ein bisschen hektisch. Im tiefen Schnee in die Bindung zu kommen, ist gar nicht so einfach und auch der Lawinen-Rucksack will noch festgezurrt werden. Vor dem ersten Schwung bin ich schon außer Atem. Rod gibt die Linie vor und wedelt dann gelassen ein paar hundert Meter hinunter. Dort bleibt er stehen und gibt uns das Zeichen zum Start.

Vorbereitung zahlt sich aus beim Heliskiing

Ich fahre als Zweite los. Die ersten Schwünge mit den breiten Tiefschneeski sind ungewohnt, dann aber besinne ich mich auf den von Bap angemahnten Rhythmus und schon schwimmen die breiten Latten auf. Die Vorbereitung macht sich bezahlt, die Bäume keine Angst mehr. Nach meiner ersten Heli-Skiabfahrt bin ich wie euphorisiert, obwohl ich während der Fahrt fast das Atmen vergessen hätte und die Oberschenkel schon brennen.

Auf einer Lichtung warten wir auf den nächsten „Lift“. Zusammengekauert hocken wir im fast hüfthohen Schnee. Rod kniet zwei Meter vor uns. Als der Heli mit knatternden Rotoren auf uns zufliegt, werde ich fast panisch. Dieses fliegende Monster mit seinem Häcksler auf dem Dach will jetzt allen Ernstes in dem aufgewirbelten Schneetreiben zwischen uns landen? Was, wenn er wegkippt und uns erdrückt oder mit seinen Rotorblättern zerstückelt? „“Ich muss wahnsinnig sein!““, denke ich, da hat der Pilot den Heli aber auch schon sanft zwischen uns eingeparkt – millimetergenau.

Nur wenige Minuten zum nächsten Run – dank dem Heli

Noch bevor ich mir weiter unbegründete Sorgen machen kann, klettere ich auch schon in den Heli. Eine Minute später geht es wieder in die Luft. Ein Helikopter fliegt drei Gruppen, da ist keine Zeit zu verlieren. Die Flüge zum nächsten Run dauern nur wenige Minuten. Unsere Start- und Landepunkte sind schon im Voraus geplant – je nach Wetter und Schneesituation. Der Head-Guide prüft dann vor Ort noch mal, ob die Abfahrt auch wirklich sicher ist. Nichts wird dem Zufall überlassen.

In die zweite Abfahrt gehe ich schon mit deutlich mehr Selbstvertrauen – und lege mich gleich hin. Zum Glück ist die Bindung nicht aufgegangen. Im Tiefschnee Ski suchen kostet Kraft. Das Aufstehen im nachgebenden Pulver aber auch schon, gerade wenn man sich beeilen will, damit die anderen nicht warten müssen. Da ich als eine der Letzten gestartet bin, taucht schon der zweite Guide auf, der als „Lumpensammler“ immer am Ende der Gruppe fährt. Der hilft mir auf die Ski und weiter geht’s.

Name Panorama
Location Panorama Mountain Village
Provinz/Bundesstaat British Columbia
Mountain Range Panorama
Zielflughafen Calgary
Transferzeiten 3 ½ h