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Unterwegs am Grouse Mountain: Liftbekanntschaften über Vancouvers Dächern

Text: Andreas Hottenrott

Früher einmal zog der Grouse Mountain internationale Winterurlauber an, heute vor allem die Powder-Süchtigen, die zu seinen Füßen wohnen. Die erweisen sich Fremden gegenüber als hervorragende Gastgeber. Vielleicht ist das kleine Resort oberhalb von Vancouver nicht der Himmel für Wintersportler – aber es hat seine höllisch guten Seiten.

Grouse Mountain, der „Peak of Vancouver“

Entgegen der landläufigen Meinung muss man sich einen Tiefschneehang auch in Kanada mal mit anderen teilen. Und selbst im Winterwunderland ist nicht jeder Tag ein perfekter Powder-Day. Auf eines aber ist Verlass: Im Lift dauert es nie lange, bis man ein paar Worte mit anderen Wintersportlern wechselt. Das ist auch am Grouse Mountain so. „How’s riding today?“, heißt es dann. Natürlich wird niemandem ein Gespräch aufgezwungen, aber wer möchte, verkürzt sich mit etwas Konversation die Fahrtzeit am „Peak of Vancouver“. Darüber hinaus können nette Bekanntschaften für Ortsfremde durchaus hilfreich sein.

Seit ewigen Zeiten schon fahre sie am Grouse Mountain, erzählt mir meine Sitznachbarin Rose im Lift. Inzwischen – und gegen den ausdrücklichen Rat ihres Arztes – mit einem künstlichen Hüftgelenk. „Aufhören kommt aber nicht in Frage“, meint sie mit einem Achselzucken. „Dafür macht Skifahren einfach zu viel Spaß.“

Neuschnee im Fegefeuer

Die steilsten Hänge meidet Rose inzwischen. Das hält sie aber nicht davon ab, spontan die Fremdenführerin zu spielen. Eine halbe Stunde lang begleitet sie mich zu den Black und Double Black Diamonds im Skigebiet. Mit unheilschwangeren Namen wie Devil’s Advocate, Hades oder Coffin klingen sie nach echten Höllenritten. Nicht zuletzt dank zwanzig Zentimetern Neuschnee machen sie aber teuflisch Spaß. Nicht mal Inferno oder Purgatory, das Fegefeuer, bringen den frischen Powder zum Schmelzen. Für Tiefschnee-Enthusiasten ein äußerst beruhigendes Szenario des Jenseits.

Andy testet Grouse Mountain. © A. Hottenrott

Ins Schwitzen komme ich aber auch ohne biblische Flammen unter meinen Boots. Währenddessen schwingt mein ehrenamtlicher Guide Rose genüsslich die blau gekennzeichneten Tyee Chute, Blue Face oder Grinder Tracks hinab. Am Olympic Express Chair treffen wir uns wieder. Auf zur nächsten Runde.

Ein Katzensprung von Vancouver aus

Sicherlich macht es Spaß, mit einem Local unterwegs zu sein – notwendig ist es am Grouse Mountain aber nicht. Auch ohne Pfadfinderabzeichen an der Brust kann man das Skigebiet getrost auf eigene Faust erkunden. Oberhalb von Vancouver erstreckt es sich über eine Fläche von weniger als einem Quadratkilometer. Die meisten Abfahrten sind leicht oder mittelschwer. Ein paar anspruchsvolle sind auch dabei, doch Grouse Mountain trumpft mit anderen Vorzügen auf: mit einer phänomenalen Aussicht über Vancouver und den Fjord, in dem die ankernden Ozeanriesen von hier oben wie Spielzeugschiffe in der Badewanne wirken, und mit seiner schnellen Erreichbarkeit. Von North Vancouver aus brauchen die Großstädter gerade mal 15 Minuten bis zur Basis der Skyride-Gondel.

Der Blick auf den Burrard Inlet, wo große Frachtschiffe vor Anker liegen. © A. Hottenrott

Von diesem Luxus konnten die Abenteurer Ende des 19. Jahrhunderts nur träumen. Drei bis vier Tage dauerte es, bis sie sich über das Wasser des Burrard Inlet bis an den Fuß des Berges und weiter durch unbefestigtes Gelände bis zum Gipfel des Grouse Mountain vorgearbeitet hatten. Dort fanden sie eine große Population an Felsengebirgshühnern – auf Englisch „grouse“ – vor. Berühmter als für seine gefiederten Bewohner wurde der Berg aber als Wintersportdestination.

Grouse Mountain, Vorreiter in Sachen Komfort

Der 1929 am Grouse Mountain gegründete Tyee Ski Club ist heute einer der ältesten in ganz Kanada. Bereits Mitte der 1930er Jahre ließen sich Wintersportler mit einer Seilanlage den Berg hinauf ziehen. 1949 installierte man im Skigebiet den ersten Doppelsessellift der Welt. Urlauber aus allen möglichen Ländern kamen nach Vancouver, um sich tagsüber ins weiße Vergnügen zu stürzen und anschließend in das Nachtleben der Stadt.

Ich selbst verzichte auf größere Ausschweifungen und gönne mir nur einen Burger, ein Bier und die Übertragung eines Eishockeyspiels in einem der Pubs neben meinem Hotel. Das Pinnacle Hotel at the Pier liegt ein paar Meter vom Ufer des Burrard Inlet entfernt. Dort schaut man vom Lonsdale Quay aus über den Fjord auf die weißen Segel des Canada Place, auf den östlichen Zipfel des Stanley Parks, auf die roten Kräne in Vancouvers Hafen und auf die nachts bunt erleuchtete Skyline der Stadt, vor der sich die Tanker nach Einbruch der Dunkelheit als schwarze Schatten abheben. Im Morgengrauen pendeln Berufstätige mit Fähren zwischen den beiden Ufern hin und her.

 

Viele setzen sich aber auch ans Steuer ihres Autos, wie ich auf dem Weg zum Grouse Mountain feststelle. Der Berufsverkehr ist zäh. Trotzdem lasse ich die Hochhäuser bald hinter mir. Und was eben noch von Betonfassaden verborgen war, kommt plötzlich in Sicht: bewaldete Bergflanken und verschneite Gipfel! Der Weg nach oben verläuft über mehrere Terrassen, auf denen sich gepflegte Vorstadthäuschen mit noch gepflegteren Gärten aneinanderreihen. Zwischendurch geleitet ein Schullotse seine kleinen Schützlinge sicher von einer Seite der Straße auf die andere.

Büro oder Piste?

Ein paar Hundert Meter vor der Gondelstation des Grouse Mountain geben die Menschen an den Bushaltestellen ein ungewöhnliches Bild ab. Frauen und Männer im Business-Outfit warten neben Leuten in Skiklamotten, der Aktenkoffer steht neben Brettern und Stöcken auf dem Boden. Die Wartenden wirken mal mehr, mal weniger gut gelaunt. Das mag direkt mit dem Ziel ihrer Busfahrt zusammenhängen. Die Aussicht auf einen Tag im Schnee lässt die Mundwinkel eben eher nach oben wandern als die auf einen Tag im Büro.

Runs für Könner! © A. Hottenrott

Wes jedenfalls gehört definitiv zur gut gelaunten Sorte. Der Snowboarder ist meine zweite Liftbekanntschaft des Tages. Da es am Wochenende ordentlich geschneit hat am Grouse Mountain, hat sich Wes spontan einen Tag frei genommen. Zuletzt haben er und ein paar Kumpels aus alten Boards eigene Splitboards gebaut. Mit einer Kettensäge. Langlebig waren die Sportgeräte Marke Eigenbau nicht, aber die Aktion zeigt dennoch, dass es Powder-Verrückte nicht nur in Whistler oder Revelstoke gibt, sondern auch in den geschäftigen Straßen von Vancouver.

Hinterm Windrad gleich links

Heute hat Wes aber ein bewährtes Board dabei. Vielleicht ist das auch besser so, denn es wäre zu schade, würde er den Vormittag im Schnee aufgrund eines Materialdefekts abbrechen müssen. Immerhin kennt der Einheimische ein paar nette Tree Runs. Gleich hinter dem Windrad am Olympic Express-Lift biegt er in den Wald ab. Ein paar Abfahrten nehmen wir zusammen, dann muss ich weiter. Schließlich will ich später noch meine Fähre in Richtung Vancouver Island und des Mount Washington Alpine Resorts erwischen.

Unterhalb des Windrads warten ein paar Black Diamonds. © A. Hottenrott

Auf meinem Weg zurück zur Gondel mache ich meine Liftbekanntschaft Nummer drei. So hilfreich wie die beiden vorangegangenen ist diese nicht, unterhaltsam aber auf jeden Fall. Früher einmal hatte der ältere Herr zu meiner Linken eine deutsche Freundin. Ein paar Brocken Deutsch spricht er noch immer, wie er mir mit dem fehlerfreien Herunterrasseln der Zahlenreihe von eins bis zehn beweist. Sogar an einen Besuch in meiner Heimatstadt Bonn kann er sich erinnern. Der Spruch, dass die Welt klein sei, trifft eben hin und wieder zu. Ein anderer aber auch. Mit Neuschnee unter dem Board, Vancouver und dem Ozean vor Augen und interessanten Leuten neben mir im Lift zeigt mir Grouse Mountain: Größe ist nicht alles.